Ich bin gestern Nacht evakuiert worden. Hätte nie gedacht, dass ich so einen Satz mal schreiben oder sagen würde – aber gestern und heute mehrfach geschehen. Der Grund war eine 500kg schwere Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg, die in meiner unmittelbaren Nachbarschaft bei Bauarbeiten in einem Vorgarten entdeckt wurde und entschärft werden musste. Großeinsatz von Polizei, Feuerwehr und Rettungskräften des DRK. Mehrere tausend Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. Straßen gesperrt. Verkehrschaos. Panik.

© ddp – Bombenfund in Berlin-Wilmersdorf
Heute Mittag hatte ich dann – ausgerechnet – meine erste Prüfung in diesem Semester, eine zweistündige Übersetzungsklausur, zwei Texte, vom Deutschen ins Englische. Wegen dieser Prüfung wollte ich gestern eigentlich mal ein bisschen zeitiger ins Bett gehen… Hatte schon geduscht und gegessen, als es gegen 23 Uhr aus einem Lautsprecherwagen brüllte: „Achtung, Achtung, hier ist eine Durchsage der Polizei… “ – Hatte gerade noch Monk nebenbei geguckt und gedacht gehofft, diese unwirklich klingenden Worte kämen aus dem Fernsehen, aber Pustekuchen: Nachdem ich den Ton ausgemacht hatte, waren sie immer noch da – und sie klangen seltsam, fast surreal. „Wegen eines Bombenfunds aus dem Zweiten Weltkrieg müssen folgende Straßen evakuiert werden: (…). Alle Bewohner werden gebeten, umgehend ihre Häuser und Wohnungen zu verlassen. Notunterkünfte gibt es (…)“ SCHOCK! Ich war gerade dabei gewesen, ins Bett zu gehen. Herzklopfen.
Erster Gedanke: scheiß Krieg. Zweiter: Eltern anrufen und Bescheid sagen. Dritter: Julia anrufen und um Asyl bitten. Dann schnell Rucksack geschnappt, das Allernötigste eingepackt, Licht aus und weg. An den Wohnungstüren eilig geschriebene Zettel: „Ich bin draußen“ + Telefonnummer. Überall Polizei, umherirrende Menschen, teils mit Kopfkissen und Decken, Straßen abgesperrt, Panik. Notunterkünfte in irgendwelchen Schulen und Turnhallen. Um eine Evakuierung des nahegelegenen Krankenhauses zu verhindern, wird die Bombe mit einem Spezialfahrzeug in den Park gebracht, wo sie in einem schnell ausgebaggerten provisorischen Graben entschärft werden soll. Dauer zu dem Zeitpunkt noch nicht absehbar. Ich flitze meine Straße runter, krabbel unter einer Absperrung durch und hüpfe in das nächste Taxi. Schnell weg. Mein Herz klopft noch immer. Als ich bei Julia ankomme, die mich liebevoll aufnimmt, sehe ich schon das Bett, das sie mir in der Zeit frisch bezogen hat. Ich komme langsam runter. Ein heißer Pfefferminztee – nie hat er so gut getan.
Krieg, Flucht, Angst. All das war auf einmal so real. Anders als in den Geschichten, die mir meine Oma über die Flucht aus Schlesien erzählt hat – anders im Sinne von plötzlich spürbar, obwohl es nur ein lächerlicher Bruchteil von dem war, was sie damals mit ihren Söhnen, zwei meiner Onkel, die damals noch Kinder waren, erlebt hat… überhaupt, was Menschen in Kriegen erleben.
Als ich heute vor der Prüfung mit Leuten aus meinem Kurs spreche, ist der Bombenfund – das Ding wurde heute in den frühen Morgenstunden entschärft – das Hauptthema. Als ich dem Dozenten von meiner kurzen Nacht berichte, lächelt er und sagt: „I’m sure, you’ll be doing fine.“ (In der Klausur.) Aha. Ich mache den Laptop an, den mir Susi für die Klausur geliehen hat, lese die Texte und beginne mit der Übersetzungsarbeit. Der Alltag holt mich langsam wieder ein.
Der normale Alltag, der nicht selbstverständlich ist.

© Steffen Pletl
Berliner Morgenpost, www.morgenpost.de
Nach Evakuierung in Wilmersdorf
Bombe entschärft – Anwohner kehren zurück
Mittwoch, 16. Juli 2008 13:35
(…) Rund 5000 Menschen mussten gestern Abend rund um die Mecklenburgische Straße ihre Häuser verlassen, nachdem dort eine britische 500-Kilo-Fliegerbombe gefunden worden war. 600 von ihnen kamen in Notunterkünften, darunter auch das Stadion, unter. Mehrere Hundert Polizisten, Feuerwehrleute und Angehörige des Roten Kreuzes waren im Großeinsatz. Heute gegen 8.40 durften die Anwohner endlich wieder zurück in ihre Häuser. Gegen 8.15 Uhr am Morgen war der Zünder der Bombe gesprengt worden, die somit nun unschädlich ist. Dabei gab es keine Zwischenfälle. Entschärfer des Landeskriminalamtes brachten die Bombenreste anschließend zum Sprengplatz Grunewald. An der Bombe war ein komplizierter chemischer Langzeitzünder, der nicht auf herkömmliche Weise entschärft werden konnte. Die Zusammensetzung des Zünders war zuvor in einem Labor untersucht worden. Für die Dauer der Sprengung im Volkspark Wilmersdorf war die A100 zwischen Konstanzer Straße und Innsbrucker Platz vollständig gesperrt und der S- und U-Bahnverkehr unterbrochen, dann aber wieder frei gegeben. Der Volkspark Wilmersdorf blieb zunächst noch gesperrt. (…) Ein Kleinbagger war bei Sanierungsarbeiten auf dem Grundstück auf den Blindgänger gestoßen. Umgehend wurde der Fundort weiträumig abgesperrt. Die Gasag kappte Gas-, die Berliner Wasserbetriebe mehrere Wasserleitungen. Zwei Tankstellen mussten geräumt und ihr Stromanschluss unterbrochen werden. Zunächst war erwogen worden, auch das Sankt Gertrauden-Krankenhaus an der Paretzer Straße 12 zu räumen. Damit wäre die Verlegung von knapp 400 Patienten in andere Kliniken notwendig geworden. Erst am Abend hatte sich die Einsatzleitung entschlossen, den Blindgänger in den nahe gelegenen Volkspark zu bringen und so den Sperrkreis zu verkleinern. Damit konnte die Evakuierung des Gertrauden-Krankenhauses abgesagt werden. (…) Die Polizei hatte insgesamt 200 Beamte eingesetzt. Die Berufsfeuerwehr war mit 40 Rettungskräften präsent; zwei Drehleiterwagen sollten gegebenenfalls bei schwierigen Evakuierungsfällen Unterstützung leisten. Zudem hatte das DRK acht schnelle Einsatzgruppen mit 160 Helfern aufgeboten. (…)
Quelle: www.morgenpost.de